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Bericht aus Medan

Bernd Flamming, der Vorsitzende des Vereins Kinderhilfe International reiste am Freitag, 21. Oktober mit vier Mitgliedern und Freunden der Kinderhilfe von Frankfurt über Dubai und Kuala Lumpur nach Medan auf Sumatra.

Mit ihm reisten Dr. med. Jutta Aichinger, Zahnärztin aus Köln, Claas, ein Gymnasiallehrer aus Aachen, Frank, Lehrer am J.G. Herder Gymnasium in Köln und Gaby Simon-Flamming. Die Gruppe erreichte Medan am Sonntag, 23. Oktober 2011. Unter „Herbsttage in Medan“ berichtet Flamming.

Sarina und Asen warten schon am Flughafenausgang. Die Begrüßung ist sehr herzlich und bei unserer

Umarmung tauschen wir bei über 35 Grad Schweißperlen aus. Martin, unser Schulbusfahrer (er heißt

übrigens und tatsächlich Martin Luther) ist ebenfalls mit dem Bus und einigen unserer Kinder gekommen, um uns abzuholen. Wir fahren zuerst zu unseren Kinderhäusern. Unterwegs beschließen wir, daß wir am Abend zusammen in dem Restaurant, das auf Deutsch Fischermann heißt, essen wollen um uns kennenzulernen und unsere Pläne abzustimmen. In Johor (so heißt der Stadtteil, in dem unsere Kinderhäuser liegen) gibt es abermals eine sehr nette Begrüßung. Ich lerne Dia, die Hausmutter kennen, die bei meinem Aufenthalt in Medan noch nicht bei uns gearbeitet hat, außerdem Henny, die Hausmutterassistentin.

Einige Kinder waren bei meinem halbjährigen Aufenthalt vor zwei Jahren auch noch nicht da.

Am Abend besprechen wir alle zusammen beim Essen, was wir für unseren Aufenthalt in Medan geplant haben. Am nächsten Tag holt uns Martin ab, nachdem er unsere Kinder zur Schule gefahren hat. Wir fahren nach Johor und inspizieren die beiden Kinderhäuser. Ich notiere mir alles, was repariert oder erneuert werden muß. Die Kinder in Medan sind sicherlich nicht anders als die Kinder in Deutschland, und in einem Haus, in dem viele Kinder leben, geht natürlich auch schon mal etwas kaputt. Ich stelle fest, daß an einer Tür und an einigen Fenstern auch der Mückendraht nicht mehr in Ordnung ist. Der muß auf jeden Fall schnell repariert werden, schließlich übertragen die Mücken Malaria und das gefährliche Denguefieber.

Bei meinem längeren Aufenthalt in Medan hatte ich mich zwar daran gewöhnt, daß meine Vorstellung von Sauberkeit (und ich bin bestimmt nicht besonders pingelig) nicht auf Medan übertragen werden kann. Trotzdem fordere ich immer wieder, daß Räume und Vorplatz sauber zu sein haben.

Jutta hat sich ihre Stirnlampe aufgesetzt und inspiziert schon mal die Gebisse der Kinder. Für einige der Kinder ist es das erste Mal, daß sich jemand für ihre Zähne interessiert. Claas schreibt auf, was Jutta ihm zu jedem Kind diktiert.

An diesem Tag fahren wir auch noch zum zentralen Müllplatz von Medan. Ich bin dort schon oft gewesen, bei den Menschen, die in dem Unrat nach Plastik, Metall, Glas und anderen Dingen, die sich verwerten lassen, suchen. Meine Begleiter sind angesichts dieser Not sehr betroffen, und auch mich lassen diese Besuche niemals kalt.

Ich kenne den Pfarrer, der sich besonders um diese „Müllmenschen“ kümmert schon seit einigen Jahren und habe große Hochachtung vor seiner Arbeit. Ich frage mich immer wieder, wie man an diesem Ort leben, überleben kann. Es ist heiß und schwül und der Gestank ist fast unerträglich.

Abends sitzen wir zum Essen wieder alle zusammen. Diesmal ist auch Lina, die Vorsitzende unserer Stiftung in Indonesien, zusammen mit ihrem Mann Arnold und ihrer Tochter Michelle dabei. Lina hatte zugesagt, daß ihre Freundin, eine Zahnärztin, ihre Praxis zur Verfügung stellen würde, damit Jutta die Gebisse unserer Kinder zahnärztlich versorgen kann. Jetzt aber erfahren wir, daß diese Zahnarztfreundin zur Zeit gar nicht in Medan ist und die Praxis nicht zur Verfügung steht. Jutta ist mehr als enttäuscht.

Ein Zahnarzt, Mitglied der methodistischen Gemeinde, will seine Praxisräume zur Verfügung stellen. Er lädt uns zu einem sofortigen Vorgespräch ein. Zum Glück ist die Praxis nur wenige hundert Meter von unserem Lokal entfernt, und so ziehen wir alle zusammen zu dieser Zahnarztpraxis. Der Zahnarzt ist ein ausgesprochen sympathischer Mensch, der trotz der späten Stunde noch Patienten behandelt. Nicht nur er, sondern auch seine Tochter sind Dentisten. Er bietet uns an, am nächsten Tag auf seine Mittagspause zu verzichten. Wir sollten alle unsere Kinder bringen. Jutta könne sie behandeln, er und seine Tochter würden gerne helfen. Mir fällt ein Stein vom Herzen und auch Jutta kann wieder lachen.

Mittags treffen wir uns alle in der Zahnarztpraxis. Jutta widmet sich zusammen mit dem Zahnarzt, der Praxis zur Verfügung gestellt hat und dessen Tochter der Gebisse unserer Kinder. Einige Zähne erhalten eine Füllung, andere sind nicht mehr zu retten und müssen gezogen werden. Eine Wurzelbehandlung kann an diesem Tag begonnen werden, zwei Kinder sollten eine Zahnklammer erhalten. Ich wundere mich darüber, daß alle unsere Kinder sehr tapfer sind.  

Am Mittwoch treffe ich den Principal der katholischen Schule. Das Gespräch erfolgt in einer sehr freundlichen Atmosphäre. Ich freue mich darüber, daß der Schulleiter sich sehr positiv zu unseren Kinderhäusern und den Kindern äußert. Ich möchte wissen, ob unsere Kinder auch in musischen Fächern und im Sport gefördert werden, erfahre dann aber, daß Musik überhaupt erst vom sechstenSchuljahr an angeboten wird und im Fach Sport Mädchen deutlich gegenüber den Jungenbenachteiligt sind.

Da wir in unseren Kinderhäusern Kinder aufgenommen haben, die zuvor noch niemals oder nur unregelmäßig eine Schule besucht haben, verabrede ich mit dem Principal, daß er uns einen Lehrervorschlägt, der vorerst dreimal in der Woche für je drei Stunden in unsere Einrichtung kommt, um diebetreffenden Kinder zu fördern.

Wir betonen noch einmal, daß wir (Schule und unserer Kinderhäuser) weiterhin engzusammenarbeiten wollen, und daß wir auch bereit sind, u. U. Kinder aufzunehmen, derenAufnahme uns die Schule empfiehlt.

Am Nachmittag fahre ich mit Lina und Arnold zu Familien, die Lina mit Unterstützung von Mitgliedernaus der methodistischen Gemeinde betreut. Es geht etwa 20 Kilometer westlich aus Medan heraus inein sumpfiges Gebiet mit vielen Tümpeln und Wassergräben zu beiden Seiten des Weges. Wege imeigentlichen Sinne kann man die Strecke, die wir befahren, eigentlich gar nicht nennen, sie wäreneher als ein Panzerübungsgelände geeignet.

Überall nur ärmliche Hütten, wobei Hütten noch sehr hoch gegriffen ist. Nicht selten wäre der BegriffVerschlag wohl zutreffender.

Wir fahren zu einer alten Frau, deren Mann gerade drei Tage zuvor gestorben ist. Vor ihrer Hüttelaufen Hühner umher, Kakaobohnen sind zum Trocknen ausgebreitet. Immerhin weist dieseBehausung aber den Luxus eines Stromanschlusses auf. Der fehlt in der Hütte gegenüber. Um dieseUnterkunft zu erreichen, balancieren wir auf einem schmalen Brett über einen Wassergraben. DieHütte ist weitgehend aus alten Kistenbrettern zusammengenagelt. Deutlich sind noch Aufschriftenwie Made in Hongkong zu erkennen. Hier lebt eine jüngere Frau, deren Mann vor drei Jahrengestorben ist, zusammen mit ihren Töchtern, deren Alter ich auf etwa fünf und etwa neun Jahreschätze. Das Dach der Behausung besteht überwiegend aus Palmenblättern. Innerhalb dieserBehausung gibt es so gut wie nichts.

Auf dem Boden kocht die Frau etwas in einem Topf auf offenem Feuer, einigen brennendenHolzscheiten. Die Menschen dieser Familie besitzen wirklich nicht viel mehr als sie auf dem Körpertragen. Sie schlafen nachts zusammen in einem Verschlag aus Brettern und alten Reklametafeln.

Lina gibt der Frau das Schulgeld, damit die ältere weiterhin die öffentliche Schule besuchen kann. DerSchulweg beträgt gut 45 Minuten.

Am Donnerstag laden wir Nachmittags alle Kinder in ein neues Schwimmbad in der Nähe unsererKinderhäuser ein. Der Eintrittspreis erscheint uns aber nicht eben günstig. Lina läßt den Inhaber desBades kommen und verhandelt mit ihm über einen längeren Zeitraum. Es gelingt ihr, denEintrittspreis für unsere Kinder deutlich zu drücken. Wir verabreden, daß unsere Kinder ab jetztmonatlich einmal dieses Schwimmbad besuchen werden.

Am Abend geht es beim gemeinsamen Abendessen darum, eine Bilanz zu ziehen und natürlich Plänefür die Zukunft zu machen.

Ziemlich früh am darauf folgenden Tag bringen uns Arnold und Lina mit dem Auto zum Flughafen. Das Flugzeug startet leicht verspätet gegen 8.20 Uhr nach Kuala Lumpur.

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