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Haze … Haze … Haze

Transparenz von ganz anderer Art als die, die wir im Umgang mit den uns anvertrauten Geldern zu bieten versuchen, hätte ich mir oft bei meinen Aufenthalten in Indonesien gewünscht.

Dabei ging es ausnahmsweise einmal nicht um irgendwelche Finanzen, sondern um die Luft, die uns Menschen und die Tiere am Leben hält. Obwohl ich diese Problematik bereits einmal kurz angesprochen habe, scheint sie mir so bedeutend, daß ich sie nachfolgend noch einmal genauer und differenzierter darstelle.

Ich habe in Medan mehr als einmal an einen Witz aus meiner Jugendzeit denken müssen. Seinerzeit stand das Ruhrgebiet noch für Zechen, Eisenhütten und andere Betriebe, die ihre Abgase in die Atmosphäre bliesen. Und aus dieser Zeit stammte folgender Witz:

Ein Ehepaar verbrachte zum ersten Mal einen Sommerurlaub im Schwarzwald. Auf die Frage, wie es ihnen denn dort gefiele, antworteten Mann und Frau, daß sie rundherum mit ihrem Urlaub zufrieden seien. Nur mit der Luft hätten sie einige Probleme, denn zuhause könne man deutlich sehen, was man einatme.

Das konnte ich in Medan auch an vielen Tagen meines Aufenthalts; von Transparenz der Luft keine Spur. Sie erschien mir immer irgendwie milchig und selbst bei Sonnenschein war der Himmel eigentlich fast nie richtig klar.

Zuerst dachte ich, das könne an den Vulkanen liegen, von denen Indonesien wohl mehr hat als jedes andere Land auf dem Globus. Neben dem von mir bereits an anderer Stelle angesprochenen und recht bekannten Krakatau denke man nur an den in der Nähe der Großstadt

Yogyakarta gelegenen Merapi, an den Tambora auf Sumbawa und an den Lokon auf Sulawesi, über dem eine mächtige Rauchsäule in den Himmel steigt. Selbst wenn keiner von diesen Schloten gerade so aktiv ist, daß er Magma aus dem Erdinneren hervorstößt, so dampft es doch fortwährend aus so manchem Krater und so mancher Erdspalte.

Gegen meine Vulkanthese sprach allerdings der Geruch der Luft, die einzuatmen ich gezwungen war. Zugegeben, die Luft in Medan ist sowieso so schlecht, daß die in unseren Städten eingesetzten Feinstaubmeßgeräte sofort nach dem Einschalten ihren Dienst versagen würden, aber der Geruch, der auch außerhalb der Stadt wahrzunehmen war, kam mir aus Kindertagen, als auch in den Dörfern unseres Landes noch vielfach mit Holz geheizt und gekocht wurde, sehr bekannt vor. Dieser Geruch, den ich bereits bei meinem ersten Besuch in Indonesien registriert hatte, stammte eindeutig von Holzfeuern. Schon bald erlebte ich, daß der Qualm dieser Holzfeuer sich tageweise wie Nebelschwaden auf das Land legte und sich selbst von auffrischenden Winden nicht vertreiben ließ. Es war am Ende auch gar nicht besonders schwer herauszufinden, wer die Verursacher dieser Brände waren und – das möchte ich ergänzend betonen - immer noch sind. Es handelt sich u. a. um ortsansässige Bauern, die nach der Ernte ihre Felder abbrennen. Das, so wurde mir gesagt, habe dort schon eine lange Tradition. Einerseits würden die Felder so auf einfache Weise von den noch darauf vorhandenen Pflanzen bzw. Pflanzenresten befreit, andererseits diene die Asche dazu die Felder zu düngen. Das mag unter ökologischen Gesichtspunkten zwar durchaus bedenklich sein, erklärte aber nicht diese Menge des Qualms, der über Wochen für mich dort wahrzunehmen war und für den die Menschen in mehreren südostasiatischen Ländern sogar eine eigene Bezeichnung haben, nämlich das Wort „Haze“.

Mit Haze wird der Rauch bezeichnet, der so gut wie ausschließlich von Menschen verursacht wird, die Brände legen. Wenn es nur die Bauern wären, die nach der Ernte ihre Felder abbrennen, wäre das aus Sicht der Menschen in unserem Land schon recht bedenklich, schließlich sind wir ja die Erfinder der Energiewende. Was aber wirklich dazu führt, daß Indonesien an dritter Stelle der Staaten steht, die klimaschädliche Gase in die Atmosphäre blasen, ist die Tatsache, daß ganze Urwälder abgefackelt werden, um auf diesem Land vor allem Ölpalmen für den Weltmarkt anzubauen. Indonesien ist weltweit der größte Exporteur von Palmöl, welches natürlich auch in deutschen Produkten zu finden ist. Die FAZ schreibt in ihrer Ausgabe vom 26. Juni 2013:

„Kommt der Haze, gibt es kein Entrinnen. Die Wolke trifft jeden, der unter ihr lebt.“ Und im selben Artikel ist über Riau, einer Provinz auf Sumatra, zu lesen:

„Riau ist eine der Regionen der Erde, in der die Abholzung am schnellsten voranschreitet. Lag die bewachsene Fläche 1982 noch bei 78 Prozent, sind es heute nur noch gut 25 Prozent. (-) Jeden Sommer wirken Flächen der Region wie nach einem Bombenangriff. Anfang der Woche standen nach indonesischen Angaben gut 3700 Hektar in Riau in Flammen. Verbrannte Holzstummel recken sich in den Himmel. Die Erde ist schwarz, die Wasserlachen sind schwarz, kein Vogel zwitschert, der Rauch beißt in den Augen.“

Obwohl direkt in der Nähe von Medan nach meiner Erkenntnis während meiner Aufenthalte keine Urwälder brannten (da gibt es schon keine mehr), habe auch ich verwüstete Regionen gesehen. Der Anblick hat mich ziemlich deprimiert, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß da überhaupt jemals wieder etwas wachsen würde. Zuerst empfand ich Zorn auf die Menschen vor Ort, die dort die Wälder verbrannten, die schließlich über Jahrhunderte oder gar über Jahrtausende ihnen vieles von dem gegeben hatten, was sie zum Leben brauchten. Aber schon bald wurde mir klar, daß die Schuld dieser Menschen, die dort in den Dörfern lebten gering war im Vergleicht zu denen, die mit dem Palmöl das große Geld verdienen. Wer will den Menschen, deren Hütten nicht einmal an Strom- und Wasserleitungen angeschlossen sind, verdenken, wenn sie auch ein kleines Stückchen von den Konsumgütern haben möchten, deren Besitz für uns selbstverständlich ist. Den wirklichen Reibach bei dieser Umweltzerstörung machen große, nicht selten internationale Konzerne, die oft ihren Sitz nicht einmal in Indonesien haben. Ihre Vorstände fühlen sich den Aktionären und Investoren gegenüber verantwortlich, nicht der Bevölkerung in Sumatras Dörfern und noch weniger den letzten Orang Utans, Nashörnern und anderen akut vom Aussterben bedrohten Tieren. Es würde nicht einmal etwas helfen, wenn wir uns darauf einigten, ab sofort auf alle Produkte, in denen Palmöl enthalten ist, sofort zu verzichten. Wer von uns weiß schon, in welchen Produkten Palmöl verarbeitet wird? Es findet sich ja nicht nur im von mir bereits erwähnten Palmolive oder Palmin, sondern auch in der Creme für Haut und Hände, in vielen Kosmetikartikeln bis hin zum Lippenstift, in manchem Gebäck und sogar in Kraftstoffen. Bei Pflanzenölen und Pflanzenmargarine werde ich auch immer mißtrauisch. Ich möchte wetten, daß auch in diesen Produkten jeweils mehrere Quadratmeter Urwald stecken.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es bereits erwähnt habe. Ich lebe schon seit langer Zeit ziemlich strikt vegetarisch, trinke so gut wie ausschließlich Kaffee, der fair gehandelt wurde und kaufe möglichst Bio-Lebensmittel. Aber manchmal denke ich mir, daß das alles nichts nützt und ich alles nur deswegen mache, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen.

 

 

In diesem Jahr war es mit dem Haze wieder besonders schlimm. Die Rauchwolken, die von Sumatra über die schmale Straße von Malakka ostwärts zogen, sorgten dafür, daß im Stadtstaat Singapur und in Teilen von Malaysia alle Atemschutzmasken ausverkauft waren. Von der Skyline von Singapur war nichts mehr zu sehen, die Wolkenkratzer waren in dichten Qualm gehüllt. Es ist müßig zu erwähnen, daß der Flugverkehr dadurch stark behindert wurde, aber in einigen Provinzen Malaysias wurde von der Regierung sogar der Notstand ausgerufen und vorübergehend die Schulen geschlossen. Um die Luftverschmutzung zu messen, hat man den PSI erfunden, den Pollutant Standard Index. Ein Wert von 200 gilt schon als äußerst bedenklich. Diesmal hat der Wert in Singapur über 400 PSI und in einigen Küstenregionen Malaysias sogar über 500 gelegen. Wir hoch der PSI auf Sumatra gewesen ist, das weiß ich nicht, aber wahrscheinlich wird er dort nicht einmal gemessen.

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen … dann werdet ihr merken, daß man Geld  nicht essen kann Diese Erkenntnis, der Ursprung, der nordamerikanischen Indianern nachgesagt wird, kommt mir in den Sinn, wenn ich lese, daß Indonesien bis zum Jahr 2020 seine Palmölproduktion verdoppeln will. Und bei dieser Gelegenheit fällt mir auch wieder ein, was ich in dem Buch Kollaps über die Geschichte der Osterinsel gelesen habe. Vor der Besiedlung durch Polynesier war diese Insel nachweislich reich bewaldet und bot den Neusiedlern eine gute Lebensgrundlage. Als die ersten Weißen auf der Insel landeten, war der Wald längst durch radikale Abholzung verschwunden. Nur noch unzählige riesige Steinfiguren, Moais genannt, reckten sich wie mahnende Zeigefinger in den Himmel.

„Die Parallelen zwischen der Osterinsel und der ganzen heutigen Welt liegen beängstigend klar auf der Hand. ( - ) Die Osterinsel war im Pazifik ebenso isoliert wie die Erde im Weltraum. Wenn ihre Bewohner in Schwierigkeiten gerieten, konnten sie nirgendwohin flüchten, und sie konnten niemanden um Hilfe bitten; ebenso können wir moderne Erdbewohner nirgendwo Unterschlupf finden, wenn unsere Probleme zunehmen.“ (Jared, Diamond: Kollaps, Frankfurt a. M. 2005, Seite 153)

Mancher Leser mag sich jetzt fragen, was das alles mit der Kinderhilfe International oder gar mit den Kindern in unseren Kinderhäusern zu tun hat. Ganz einfach. Wer arm ist, wer Hunger hat, der sorgt sich nicht um den morgigen Tag. Morgen ist für einen solchen Menschen noch ganz weit weg. Es geht für ihn darum, den heutigen Tag zu überleben. Wer keine Chance hat, eine Schule zu besuchen, der ist leicht zu betrügen und durch irgendwelche Versprechungen um das Wenige, was er vielleicht noch besitzt, zu bringen. Wer nicht lesen und schreiben kann, wird die globalen Zusammenhänge nicht verstehen und ist leicht hinters Licht zu führen. Und wer krank und schwach ist, dem fehlt die Kraft, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen.

Es ist unser Ziel, daß  die Kinder in unseren Kinderhäusern nach ihren jeweiligen Möglichkeiten angemessen schulisch gefördert werden. Nur dann werden sie eines Tages in der Lage sein, in ihrem Umfeld, in ihrem Land etwas zu verändern. Nur dann werden sie verstehen, daß das in Indonesien weit verbreitete Übel der Korruption letztlich allen schadet. Nur dann werden sie sich hoffentlich daran erinnern was es heißt, bettelarm zu sein, weil sie das selber erlebten, bevor sie zu uns kamen, und für eine gerechtere Verteilung der vorhandenen Güter einsetzen können.

Ich brauche sicher nicht zu erwähnen, daß die Kinder in unseren Häusern genug zu essen haben und selbstverständlich auch medizinisch angemessen versorgt werden.

Nicht zuletzt habe ich aus dem Buch von D. Jared zitiert, um auch uns vor Augen zu führen, daß wir alle im selben Boot sitzen. Wir sind im Bugbereich längst nicht mehr sicher, wenn im Heck durch die morschen Planken schon Wasser einbricht.

Auch wenn Jareds Sätze pessimistisch klingen mögen, so lasse ich mir meine optimistische Grundhaltung nicht nehmen. Wir müssen, jeder einzelne von uns, nur damit anfangen, etwas zu ändern. Zum Beispiel könnte man ja mit einer Spende unsere Arbeit unterstützen oder auch Mitglied bei uns werden (der Mitgliedsbetrag für einen Erwachsenen beträgt nur € 3,-- monatlich), schließlich kann man auch in seinem Freundes-und Bekanntenkreis ein wenig für uns werben. Wir brauchen das Geld für die Kinder in unseren Kinderhäusern, und von denen werde ich noch einiges zu berichten haben.