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Ein Paßkontrolleur, der Banknoten sammelt

Es ist jetzt schon einige Jahre her, und ich bin inzwischen mehrmals in Indonesien gewesen, ich habe sogar ein halbes Jahr in diesem Land gelebt. An meine erste Reise in dieses große südostasiatische Land kann ich mich aber noch sehr gut erinnern.

Nach dem Tsunami, der am zweiten Weihnachtstag 2004 besonders Indonesien mit voller Wucht getroffen und fast eine Viertelmillion Menschenleben gefordert hatte, beschlossen wir von der Kinderhilfe International e.V., den Menschen in ihrer großen Not nach unseren Möglichkeiten zu helfen. Zwar war der Spendenaufruf bei unseren Mitgliedern sehr erfolgreich gewesen, aber erst die RTL-Stiftung mit ihrem jährlichen Spendenmarathon für Kinder in Not und Armut hatte uns mit dem an uns überwiesenen Geldbetrag in die Lage versetzt, unser erstes zukünftiges Kinderhaus in Medan zu erwerben.

Bevor wir aber überhaupt daran denken konnten, irgendeine Immobilie zu kaufen, mußte John einen großen Kampf mit Akten und Behörden führen.

John war in Indonesien aufgewachsen und selber in Medan zur Schule gegangen. Irgendwann hatte er eine deutsche Frau geheiratet und inzwischen lebte mit seiner Familie bereits viele Jahre in Köln. Als Pensionär hatte er die benötigte Zeit und als jemand, der die Spielregeln in Indonesien kannte, hatte er einerseits die notwendige Geduld, andererseits das benötigte Durchsetzungsvermögen, um der Gründung unserer indonesischen Stiftung, ohne die wir gar nichts hätten ausrichten können, zum Erfolg zu verhelfen.

Nicht, daß man in Indonesien weniger Formulare für eine Stiftungsgründung ausfüllen mußte als in Deutschland, aber wenn es etwas schneller vorangehen sollte oder um das mögliche Scheitern des Vorhabens überhaupt zu vermeiden, erschien es angeraten, hier und da diesen oder jenen Sachbearbeiter durch kleine Geschenke ein wenig zu erfreuen.

Auf jeden Fall war es John gelungen, alle diese Hürden zu überwinden. Im Namen unserer neu gegründeten Stiftung hatte er in einer Siedlung das erste Haus gekauft. Jetzt war er damit beschäftigt dafür zu sorgen, daß dieses Haus umgebaut und erweitert wurde, um zukünftig einer Gruppe von Kindern ein neues Zuhause bieten zu können.

Als Vorsitzender der Kinderhilfe International e.V. gehörte es zu meinen Aufgaben, mich vor Ort jeweils vom Aufbau bzw. von der Durchführung unserer Hilfsmaßnahmen zu überzeugen. Schließlich können unsere Mitglieder und Unterstützer erwarten, daß ihre Spenden entsprechend unserer Zusagen sachgerecht verwendet werden.

Bisher hatten wir uns mit Hilfsprojekten nur in europäischen Ländern engagiert, und ich konnte deshalb nur schwer abschätzen, was mich in Indonesien erwartete.

Um die Spendenkonten der Kinderhilfe nur wenig zu belasten, hatten meine Frau und ich uns entschlossen, den Besuch in Medan als Teil unseres Jahresurlaubes anzusehen und von Medan aus noch weiter zu reisen.

Vor unserer Reise hatten wir gründlich mindestens drei Reiseführer studiert, aber über die Stadt Medan im nordöstlichen Teil der Insel Sumatra war  nur recht wenig zu erfahren. Ein touristisches Highlight schien sie jedoch auf keinen Fall zu sein.

Ich gestehe, daß mir bis dahin die Länder im Südosten des asiatischen Kontinents recht fremd waren. In mein Gehirn hatte sich Vietnam eingebrannt als Schauplatz eines grausamen Krieges, dessen Gräuelbilder zumindest meiner Generation über Jahre hinweg jeden Abend durch die Fernsehtagesschau ins Wohnzimmer geliefert wurden. Mit Indonesien verband ich vor allem die Insel Bali, die mit ihren Traumstränden noch immer viele Westler zu einem Badeurlaub einlädt. Ich bin selber noch nicht auf Bali gewesen, allerdings habe ich zusammen mit meiner Frau einmal ein paar Tage in Thailand, genauer gesagt in Phuket, einem ebenfalls beliebten Reiseziel, verbracht. Die Einladung die ich als Mann dort erhielt, hatten aber nichts mit einem klassischen Badeurlaub zu tun. Wenn ich diese speziellen Einladungen zwar auch stets ablehnte, so konnte ich doch feststellen, daß andere Männer, die den Frühling ihres Lebens längst überschritten hatten, sie oftmals gerne annahmen.

Obwohl sich meine Kenntnisse über diese Region auf unserem Erdball mit diesen wenigen Beispielen nicht gänzlich erschöpften, mußte ich mir eingestehen, daß ich über Indonesien herzlich wenig wußte. Immerhin konnte ich mir mittels der Reiseführer einen Überblick über dieses Land verschaffen:

Indonesien umfaßt, wenn man die namenlosen unbewohnten Eilande mitzählt wohl über fünfzehntausend Inseln und erstreckt sich immerhin über den achten Teil des Erdumfangs. In diesem Land leben fast 250 Millionen Menschen, die an die dreihundert verschiedene Sprachen und Dialekte sprechen und manchmal noch in kleinen Urwalddörfern in Bambushütten leben, aber auch in Großstädten in modernen Hochhäusern wohnen. Etwa vierzig Prozent der Einwohner können nach internationalem Standard zur Mittelschicht gezählt werden, eine kleine Gruppe von wenigen Millionen Menschen bildet die oft sehr reiche Oberschicht. Der übergroße Rest zählt zu den armen Menschen. Zwar hat das Land wirtschaftlich bereits große Fortschritte gemacht, allerdings wird das Wirtschaftsleben durch die überall spürbare Korruption gelähmt. Wie dreist diese Korruption ausgelebt wird, haben meine Frau und ich bereits am ersten Tag unserer Reise erleben dürfen.

Wir hatten uns tropenärztlich umfassend beraten und impfen lassen, unseren Vorrat an Malariamedikamenten samt unserer persönlich Dinge und einiger Mitbringsel in den Koffern verstaut, unser Haus sorgfältig verschlossen und uns dann mit dem Zug auf nach Frankfurt gemacht. Von dort aus ging es zuerst nach Dubai und dann nach einer Unterbrechung von einigen Stunden nach Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Das letzte Stück der Reise führte von Kuala Lumpur über die Straße von Malakka: Und dann endlich, nach vielen, vielen Stunden, in denen wir in den engen Bankreihen der Flugzeuge eingequetscht waren oder übermüdet auf die Weiterflüge warteten, setzte das Flugzeug zur Landung in Medan an.

In einer solchen Situation hofft man nur noch, daß das Gepäck kein anderes Ziel angesteuert hat als man selbst, daß die Paß- und Zollkontrollen schnell und problemlos verlaufen mögen und daß man endlich duschen und wenigstens ein paar Stunden in einem richtigen Bett schlafen kann. Da stört es dann auch nicht, daß das Flugzeug irgendwo parkt und man den Weg zum Flughafengebäude zu Fuß zurücklegen muß. Die herrschende Hitze, verbunden mit fast einhundertprozentiger Luftfeuchtigkeit, führt allerdings bereits auf diesem Fußweg von allenfalls einhundert Metern zu einem ersten Schweißausbruch, zumal auch im Flughafengebäude zumindest in der Ankunftshalle keine Klimaanlage ihren Dienst tut. Verwunderlich ist das allerdings nicht, denn der Flughafen von Medan, einer Millionenstadt, ist alleine schon ein Erlebnis. Nicht nur, weil er fast mitten in der Stadt liegt und man den Eindruck hat, die Stadt wurde um den Flughafen herumgebaut, sondern weil dieser Flughafen wegen seines Alters und seiner Ausstattung in Deutschland schon längst unter Denkmalsschutz stehen würde. Zwar gibt es bereits einige Durchleuchtungsgeräte für das Gepäck, aber alles andere, Gebäude und Einrichtung dürfte aus den Anfängen der Fliegerei stammen.

Zu unserem Glück erhalten wir gegen die Zahlung von je 25 US-Dollar unsere Einreisevisa, die in die Pässe geklebt werden, ziemlich problemlos. Unsere Reiseführer hatten uns ja entsprechend informiert, und wir konnten uns auf diese Prozedur vorbereiten.

Mit unseren Pässen in den Händen reihten wir uns also in die Schlange vor der Paßkontrolle ein. Es waren nur zwei Schalter geöffnet. Einige Uniformierte vermittelten zwar den Eindruck von Kompetenz und Wichtigkei, standen jedoch nur herum und kamen nicht auf die Idee, einen weiteren Schalter zu öffnen. Irgendwie konnte ich sie sogar verstehen. Wer arbeitet schon gerne unter solchen klimatischen Bedingungen.

Endlich waren meine Frau und ich an der Reihe. Der Paßbeamte in seiner durchaus sehr adretten Uniform, warf zuerst einen kurzen Blick in meinen Reisepaß, blickte mich dann mit freundlichem Lächeln an und sagte in einem fehlerfreien Englisch: „Wissen sie, ich habe ein Hobby.“

Ich bin eigentlich kein unfreundlicher Mensch, aber in dieser Situation war mir das Hobby dieses Beamten völlig egal – und das ist wirklich noch freundlich formuliert. Der Mensch sollte abstempeln was abzustempeln war und mich endlich passieren lassen.

Er lächelte weiterhin als er fortfuhr: „Ich sammle Banknoten. - Sie kommen, wie ich sehe, aus Deutschland. Da gibt es doch jetzt den Euro. Und von dem fehlen mir noch einige schöne Stücke in meiner Sammlung.“

Ich stutzte nur kurz, verstand aber sogleich. Diesem Manne konnte geholfen werden, seine Sammlung zu komplettieren. Ich ersparte mir danach zu fragen, welche unserer neuen Euroscheine noch in seiner Sammlung fehlten, sondern schob kurzerhand eine Banknote in meinen Paß, den er mir zurückgereicht hatte. Es war wirklich eine schöne Banknote, ganz glatt, noch kein bißchen zerknittert. Schließlich hatten wir sie erst kurz vor unserer Abreise von der Bank erhalten.

Der Paßkontrolleur äußerte sich nicht. Sein Gesicht zeigte jetzt aber den förmlichen Ausdruck, der allen Beamten, die auf dieser Welt Stempel in Pässe drücken zu eigen ist. Alles ging jetzt ganz schnell und reibungslos. Ich verabschiedete mich in dem Bewußtsein, daß mein Zehn-Euro-Schein sicherlich einen besonderen Platz in der Banknotensammlung dieses braven Mannes erhalten würde.

Trotzdem hoffte ich, als meine Frau und ich das Flughafengebäude verlassen hatten, daß uns jetzt nicht alle Indonesier, mit denen wir zu tun haben würden, von ihren Hobbys erzählten. Wenn es aber doch dazu kommen sollte, so konnte ich mir nur wünschen, daß mögliche andere Hobbys unsere Barschaft weniger strapazieren würden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe stets gerne geholfen. Schließlich war ich ja der Vorsitzende einer Hilfsorganisation. Letzteres ging auch aus meinen Papieren, die ich bei der Einreise vorgelegt hatte, deutlich hervor

Konnte es deshalb sein, daß ich dem Mann an der Paßkontrolle unrecht tat, wenn ich ihn der Korruption verdächtigte. Vielleicht hatte er ja nur die Sache mit der Hilfsorganisation falsch verstanden.