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Der Reis, der zweimal aufgetischt wird

Ich hoffe, dass ich niemanden langweile, wenn ich noch einmal von den Menschen schreibe, die sich vom Abfall der Zivilisation ernähren, die auf der zentralen Müllkippe der Stadt Medan oder in deren Nähe irgendwie zu überleben versuchen. Es ist ja nicht so, daß es sich nur um einige hundert oder einige tausend Menschen in Medan handelt, von denen ich berichte. Mancher wird sich vielleicht denken, Medan, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Und außerdem, was geht mich eine Stadt irgendwo im Norden der Insel Sumatra an? Vermutlich fällt es vielen Menschen sogar schwer, Sumatra ohne langes Suchen auf dem Globus zu finden, obwohl es sich bei Sumatra um eine Insel mit gewaltigen Ausmaßen handelt. Natürlich kann ich anschaulicher etwas über die Menschen auf der Müllkippe von Medan schreiben als von den Menschen auf den Müllkippen anderer Großstädte, denn ich bin mehrfach bei diesen Menschen gewesen. Aber es geht ja nicht um einen Einzelfall, es geht ja nicht nur um diese Menschen. Sie stehen schließlich beispielhaft für so viele andere am Rand der Gesellschaft, die auf den Müllkippen anderer Großstädte dieser Welt zu überleben versuchen. Not und Elend habe ich auch in anderen Ländern gesehen. Vielleicht begreift man erst dann die Tatsache, daß sich bis zu einer Milliarde Menschen auf unserem Planeten nicht jeden Tag satt essen können, daß für viele der Hunger ein täglicher Begleiter ist.

Mir gehen die Menschen, die auf der Müllkippe in Medan irgendwie zu überleben versuchen, nicht aus dem Sinn. Vieles gibt es dort, was ich immer noch nicht verstanden habe oder was ich mir nicht vorstellen kann. Schließlich zählt zu einem menschenwürdigen Leben nicht nur, daß man sich nicht täglich Sorgen um seine nächste Mahlzeit machen muß. Aber alleine die Versorgung mit Lebensmitteln verschafft doch noch keine wirkliche Lebensqualität. Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht, woher die Müllmenschen ihr Trinkwasser beziehen. Ich habe auch keine Ahnung, ob es dort Toiletten gibt, von sanitären Anlagen wie Waschbecken oder gar Duschen ganz zu schweigen.

In Asien ist Reis das Grundnahrungsmittel. Uns sagt man ja nach, daß unser Grundnahrungsmittel aus Kartoffeln bestehe. Vermutlich stimmt das sogar, auch wenn die Kartoffeln heute nicht mehr unbedingt als die klassische Salzkartoffel, sondern eher in Stäbchenform frittiert daherkommen. Welche Bedeutung von Menschen in Asien dem Reis zugemessen wird, kann man verstehen, wenn man wie ich einem Indonesier ein deutsches Kartoffelessen vorsetzt und er zu verstehen gibt, daß er irgendwie die Schale mit dem Reis vermißt.

Eine oder zwei Schüsseln Reis, wenn es hoch kommt, mit etwas Gemüse, mehr können sich sehr viele Menschen in Indonesien als Tagesration nicht leisten. Ich habe keine Ahnung, ob in Deutschland irgendein Konsument bemerkt hat, daß sich der Preis für Reis auf dem Weltmarkt in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat. Hier hat sich das nur wenig oder gar nicht ausgewirkt; und vermutlich spielt es hier auch keine Rolle, ob man im Chinarestaurant für das Chop Suey € 8,50 oder € 8.90 bezahlen muß. Für einen Menschen, der sich täglich nicht mehr leisten kann als eine Schale voll Reis, macht es einen existentiellen Unterschied, ob es für sein Geld eine halbe oder eine ganze Reisportion gibt.

Es wundert deshalb nicht, daß arme Menschen versuchen, von Restaurants den bereits gekochten und von den Gästen nicht aufgegessenen Reis, der wieder getrocknet wurde, für wenig Geld zu kaufen. Für diese Art von Reis gibt es in Indonesien sogar eine eigene Bezeichnung, aber die habe ich leider vergessen.

Nicht, daß ich unsere Hilfsorganisation oder gar meine Person besonders hervorheben möchte, schließlich lebe ich wie die die meisten oder sogar alle unserer Mitglieder und Sponsoren in vergleichsweise sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Niemand von uns muß wohl auf irgendetwas verzichten, nur weil er oder sie unsere Arbeit mit einer Spende oder dem Mitgliedsbeitrag unterstützt. Die Mitgliedschaft bei uns kostet monatlich nur € 3,--, für Kinder und Jugendliche nur € 1,50. Eigentlich müßte man eine wirklich gute Begründung vorbringen, wenn man erklären will, daß man es sich nicht leisten kann, diesen geringen Betrag, der unter Umständen einem Menschen das Überleben sichert, nicht monatlich spenden zu können. Natürlich nehme ich den oft gehörten Hinweis, daß es auch in unserem Land arme Menschen gibt, sehr ernst. Diese Bemerkung höre ich aber nicht selten von Menschen, die damit zu rechtfertigen versuchen, daß sie keinen einzigen Cent in unsere Spendendosen stecken. Selbstverständlich unterstützen sie so gut wie nie aber auch keinen der armen Menschen in unserem Land, weil sie die Not anderer Menschen herzlich wenig berührt. Selbst essen macht fett. Diesen Spruch habe ich irgendwann einmal von meiner Vorgängergeneration aufgeschnappt. Inzwischen weiß ich, daß er stimmt. In den USA liegt die Sterblichkeitsrate von Menschen, die an Verfettung leiden, inzwischen höher als die Sterblichkeitsrate derer, die über einen langen Zeitraum geraucht haben. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß sich dieses Ergebnis irgendwann auch auf Deutschland übertragen läßt. Mich würde es inzwischen gar nicht mehr wundern, wenn wir schon bald mehr Geld ausgeben, um die Folgen unserer Völlerei zu kompensieren als dafür, um uns dicke Bäuche anzufuttern. Mit Schlankheitsmitteln und Diätanleitungen läßt sich in den hoch entwickelten Ländern gutes Geld verdienen. Ich war gut zwanzig Jahre lang der Vorsitzende unserer Hilfsorganisation, und weiß ich, wovon ich rede. Ich weiß auch, wie schwer es ist, Spenden zu sammeln, wenn man nicht aufdringlich wirbt, wenn man sachlich bleibt und keine übertriebenen Schauermärchen erzählt. Ich selber habe mit einer unserer Spendendosen auf der Straße gestanden und gesammelt. Natürlich bin ich auf viele Passanten getroffen, die geholfen haben, meine Spendendose zu füllen, aber ich habe auch immer wieder recht abfällige Bemerkungen zu hören bekommen, die darin gipfelten, daß es unter Adolf Schnorrer wie mich nicht gegeben hätte. Und natürlich fehlte auch nicht der Hinweis auf die angebliche Vergasung solcher Schnorrer.

Zugegeben, diese widerliche Äußerung stellt eine Ausnahme dar. Auch wenn ich sie nicht vergessen habe, so weiß ich damit angemessen umzugehen. Aber für uns sammeln ja auch junge Menschen, die unsere Arbeit unterstützen wollen. Wie mag ein solcher Satz auf sie wirken? Und können sie den auch einfach so wegstecken wie ich?

Ich will aber auch anmerken, daß es in den meisten Bundesländern gar keine Vorschriften hinsichtlich des Spendensammelns mehr gibt. Noch vor Jahren mußte man jede Straßensammlung beantragen, und erst nach einer, wenn auch nicht sehr tiefgehenden Überprüfung wurde die beabsichtigte Sammlung genehmigt. Inzwischen gibt es aber oft ein solches Sammlungsgesetz nicht mehr. Man muß sich deshalb nicht wundern, wenn Betrüger mit Phantasienamen diese Lücke schamlos ausnutzen. Letztlich schadet das allen seriösen Organisationen. Ich kann nur hoffen, daß keiner der Leser, keine der Leserinnen dieses Textes jetzt auf die Idee kommt, mit entsprechend dekorierter Spendendose für heimatlose schwangere Neandertalerinnen zu sammeln, um mit diesem Geld die eigene Kasse zu füllen.

„Über Geld spricht man nicht.“ – Ich habe keine Ahnung, von wem dieser Ausspruch stammt. Ich halte ihn für dumm, denn ich spreche immer wieder über Geld. Als jemand, der seinerzeit die Initiative ergriffen hat, die zur Gründung der Kinderhilfe International e.V. führte und als langjähriger Vorsitzender habe ich mich immer wieder mit Geld beschäftigt und natürlich auch darüber gesprochen und sprechen müssen. Die Hilfsprojekte, die wir initiert haben und die wir unterhalten, kosten selbstverständlich Geld. Wir haben in der Vergangenheit Geld gebraucht, wir brauchen es heute und natürlich auch in der Zukunft. Sonst können wir unsere Arbeit nicht fortsetzen. Ohne Geld müssen wir den Kindern in unseren Kinderhäusern in Medan sagen:„Das war`s, die Konten sein leer. Geht zurück von wo ihr gekommen seid.“ Und auch die Straßenkinder werden in dem Straßenkinderheim in Timisoara/Rumänien keine Zuflucht mehr finden. Ohne Geld bleibt ihnen nur noch die Straße!

Unsere Hilfsorganisation finanziert sich ausschließlich aus den Beiträgen unserer Mitglieder und aus Spenden. Es dürfte nicht unbekannt sein, daß die großen Hilfsorganisationen nennenswerte Zuwendungen auch aus staatlichen Töpfen erhalten. Wenn ihnen dieses Geld hilft, ihre guten Ziele zu erreichen, ist dagegen sicherlich nichts einzuwenden. Schließlich beschäftigen diese Organisationen oft nicht wenige Mitarbeiter in einem Angestelltenverhältnis, und natürlich müssen diese Menschen entlohnt werden. Wir beschäftigen auch Menschen, allerdings ausschließlich Menschen, die aus dem Land stammen, in denen wir Hilfsprojekte unterhalten. Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezahlen wir entweder nach den ortsüblichen Löhnen oder wir geben ihnen nur eine Aufwandsentschädigung für ihre geleistete Arbeit. In Deutschland arbeiten alle Menschen in unserer Hilfsorganisation grundsätzlich und ausschließlich ehrenamtlich. Wir unterhalten weder ein Büro noch einen Lagerraum. Wenn wir überhaupt ein wenig Geld von den Spenden abzweigen, dann geben wir es vor allem für Briefpapier, Porto und Info-Material aus. Ich gebe allerdings zu, daß wir auch einmal etwas Geld ausgegeben haben, um unsere wichtigsten Unterlagen angemessen aufzubewahren. Und dann ist da auch noch die Steuerberater- und Betriebsprüfungsfirma, die wir bezahlen. Wir sind aber davon überzeugt, daß wir auf unabhängige Finanzfachleute nicht verzichten sollten, damit wir selbst den möglicherweise leisesten Verdacht, wir würden etwas von unserem Geld nicht zweckgebunden verwenden, widerlegen können. Im Umgang mit den uns anvertrauten Geldern haben wir von Anfang an das Prinzip der gläsernen Brieftasche verfolgt.

Mehrfach sind wir bereits darauf angesprochen worden, warum wir nicht das bekannte Spendensiegel „DZI“ des „Deutschen Zentralinstitutes für soziale Studien“ führen. Die Antwort ist ganz einfach: Dieses Siegel kostet Geld; man erhält es leider nicht kostenlos. Gerne stellten wir alle unsere zur einer umfassenden Prüfung benötigten Unterlagen und Abrechnungen zur Verfügung, aber nicht gerne möchten wir für diese Prüfung und die Erteilung des Spendensiegels einen Geldbetrag bezahlen, der uns als kleinere Hilfsorganisation durchaus schmerzte.

So könne wir, wenn wir nach dem Umgang mit Mitgliedsbeiträgen und Spendengeldern gefragt werden, also nur darauf verweisen, daß auf unseren Mitgliederversammlungen von den Anwesenden zwei unabhängige Kassenprüfer gewählt werden, die eine eingehende Prüfung vornehmen und sich gegenüber den Mitgliedern auf der Versammlung dazu äußern. Um Spendenquittungen, die steuermindernd anerkannt werden, ausstellen zu dürfen, sind unsere Abrechnungen außerdem jährlich dem Finanzamt zu Prüfung vorzulegen (in unserem Fall erteilt uns das Finanzamt Köln-Ost den jeweiligen Bescheid). Außerdem arbeiten wir schließlich auch noch mit der bereits erwähnten Steuerprüfungsfirma zusammen. Schließlich sei noch erwähnt, daß die jährlichen Abrechnungen auf der Mitgliederversammlung in mehreren Exemplaren vorliegen, um von unseren Mitgliedern eingesehen und gegebenenfalls überprüft zu werden.

Mehr Transparenz können wir nicht bieten.