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Reisereportage aus Medan

Schon während unseres Zwischenstops in Jakarta wegen einer Passerneuerung rief Lina zwei Mal an und sagte: „Kommt schnell, die Kinder sind schon ganz aufgeregt und freuen sich so auf Euch!“ Als wir dann vor drei Tagen ankamen, kamen die Kinder von allen Seiten, so dass wir mit dem Umarmen und Händeschütteln kaum nachkamen. Jeder wollte seine Neuigkeiten loswerden. Und es gibt tatsächlich einiges Neues.
Wir bekommen immer mehr Sponsoren, die mal Essen, mal Kleidung und mal Schulmaterial bringen. Unser Heim geniesst jetzt einen ausgezeichneten Ruf, während schon wieder ein Waisenhaus schliesst, mit dem wir eigentlich zusammenarbeiten wollten. Aber die beste Idee hatte unser potentieller Schatzmeister:  Er sah nicht ein, dass immer die Schule die Pokale kassiert und von dem Können unserer Kinder profitiert, so dass er kurzerhand 12 unserer Jungen als eigene Fussballmannschaft auf den Namen der Stiftung registrieren liess. Schliesslich haben die Kinder schon zwei Mal den Pokal gewonnen. Er besorgte Trikots, Schuhe und Sponsoren. Laut seiner Recherche sind wir das einzige Waisenhaus Indonesiens mit eigenem Fussballteam. Ab 17. November treten die Kinder gegen alle Jugendmannschaften der Dreimillionenstadt Medan an. Auf dem Trikot wird der
Sponsor (Singer ), der selbstgewählte Name (Kings F.C.) und das Kinderhilfelogo zu sehen sein. Durch die Teambildung wird ihr eintöniger Alltag unterbrochen, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihr Selbstwertgefühl gesteigert und das ist in jedem Fall schon ein Gewinn. Übrigens der Junge in der Mitte (Rabaha) ist der Torwart. Er war im letzten Jahr der Schachmeister von Medan.

 

Unser grösster Sponsor hier ist zur Zeit ein indonesischer Orthopäde, namens Dr. Marpaung. Um ihm auch eine Freude zu machen, habe ich ihm, auf seinen Wunsch hin, deutsche Kinderbücher gekauft.
Seine Frau kann Deutsch und er möchte, dass seine Kinder es auch lernen. Er schlug mir vor, im Kinderheim auch einen Crashkurs in Deutsch zu geben, so lange ich da bin. Eigentlich dachte ich, dass bei der Auslastung der Kinder die Begeisterung nicht allzu gross sein würde, eine zusätzliche Sprache zu lernen. Aber als ich nachfragte, war die Reaktion überwältigend: Alle wollten unbedingt mitmachen, einschliesslich der Hausmütter. Ich bat Tya einen Zeitplan aufzustellen, der in den Tagesplan der Kinder passt. Und so wird demnächst hier auch Deutsch gesprochen.
John hingegen ist zur Zeit ziemlich frustriert. Die neue Hausmutter Patricia, mit der wir ansonsten bis jetzt sehr zufrieden sind, hat unnötigerweise während Johns Abwesenheit einen Checkup des Stiftungsbusses in einer indonesischen Werkstatt durchführen lassen. Jetzt fehlt im Bus die Klimaanlage, die Lichtmaschine ist kaputt und das Auto blieb gestern auf der Strasse stehen, weil die Batterie, die John noch vor drei Monaten vor seiner Abreise nach Deutschland gekauft hat, offenbar durch eine alte Batterie ersetzt wurde. John hat das Auto immer alleine repariert, weil er den Werkstätten misstraut und damit hat er wohl recht. Es gibt also nur eine Lösung: John wird den grossen Jungen beibringen, wie man Reparaturen selbst durchführt, damit sie, falls sie mal ein eigenes Auto haben, es nie in eine Werkstatt bringen müssen oder sich später damit Geld verdienen können.

 

Lina erzählte mir, dass sie vor ein paar Wochen eine Gruppe Amerikaner als Dolmetscherin zu den Mentawai-Inseln begleitet hatte. Dort besuchte sie auch das Dorf, aus dem einige unser Kinder stammen. Sie nahm ausser Briefen der Kinder auch Fotos mit, die sie von den Kindern gemacht hatte. Die Leute dort erkannten ihre eigenen Verwandten kaum: <Diese schönen grossen Kinder
können doch nicht die gleichen sein, die von hier weggingen!> sagten sie. Da Lina nicht genug Fotos für alle Verwandten hatte, beschloss man die Fotos in der Kirche aufzuhängen. Und so hängen jetzt die Fotos von unseren Kindern in einer kleinen Dorfkirche auf den Mentawai-Inseln, damit jeder sie bestaunen kann.

 

Schulbildung ist die Grundvoraussetzung für eine gute Zukunft der Kinder. Aber gerade in diesem Land ist Zusatzwissen oft überlebenswichtig. Deshalb nehmen wir jede Gelegenheit wahr, um
unseren wissensdurstigen Kindern Fähigkeiten zu vermitteln, die sie später in die Lage versetzen, etwas für den Eigengebrauch zu erlernen und falls nötig ein geringes Einkommen aufzubessern. Sardin hat ein Rezept zur Seifenherstellung aus der Schule mitgebracht und jetzt wird hier fleissig Seife für den Eigengebrauch hergestellt. Herr Armen brachte Stoffreste, aus denen die Kinder schöne Broschen herstellten. Und aus dem Überangebot an Plastiktüten häkeln die Mädchen wunderhübsche Taschen. Muster ihres Fleißes werde ich mit nach Deutschland mitnehmen. Einem Dienstmädchen, dem ich früher einmal beibrachte, wie man Donuts herstellt, das jetzt mit einem armen Bauern in Mitteljava verheiratet ist, erzählte mir stolz, dass sie jetzt Donuts im Dorf verkauft. Damit verfügt sie über ein eigenes Einkommen, das die Lebenssituation der ganzen Familie verbessert.

 

Hier in Indonesien ist vor allem Kreativität gefragt. Manche Dinge kann man einfach nicht kaufen und muss deshalb improvisieren. Zum Beispiel, als eine bestimmte Dichtung für die Autoreparatur nicht aufzutreiben war, hat John sie aus einer ausgedienten Japansandale gebastelt. Es funktioniert bis heute tadellos. Als die Nachbarn ihr Haus aufstockten und uns damit das Licht wegnahmen, indem sie die Mauern vor unseren Fenstern hochzogen, gab es nur eine Lösung: ein Lichtschacht oben mit durchsichtigem Dach. Jetzt muss ein anderes Problem angegangen werden: Wenn die Kinder baden wollen, gibt es gerade genug Wasser für die Jungen im Erdgeschoss, aber trotz Wasserpumpe kaum Wasser zum Baden und die Toiletten für die Mädchen im ersten Stock. Deshalb hat John beschlossen eine Regenauffangtonne auf dem Dach zu installieren und eine Leitung zum Badezimmer der Mädchen zu legen. Starke Regenfälle gibt es zur Zeit täglich abends, aber es ist trotzdem sehr heiß, so dass der Wasserverbrauch zwangsläufig hoch ist. Bei allen Reparaturen werden die großen Kinder mit eingebunden oder schauen zumindest zu, damit sie später auch kreativ werden können, wenn es notwendig ist.

 

Heute, seit Mitternacht wurden die Benzin- und Dieselpreise um jeweils umgerechnet etwa 18 Cent pro Liter erhöht. Das ersparte Geld soll in Sozialhilfe oder besser gesagt in Überlebenshilfe für etwa 16 Millionen bitterarme Indonesier fliessen. Diese erhalten dann nicht ganz 20 Euro pro Monat, was tatsächlich wohl einige vor dem Verhungern rettet. Diese eigentlich löbliche Idee, nicht die reichen Autofahrer zu sponsern, sondern die Armen, hat aber leider auch negative Auswirkungen auf uns. Nicht nur dass der Transport unserer Kinder teurer wird. Die Regierung selbst, rechnet mit einer Inflation aller Preise um acht Prozent ab nächsten Monat, da ja alle Warentransporte teurer werden. Die Kinder haben schon viele kleine Chilisträucher auf unserer Terrasse gepflanzt, damit sie sich nicht irgendwann beim Konsum ihres Lieblingsgewürzes einschränken müssen.

 

Medan, November 2014

Ingrid Tirtasana

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