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Große silbergraue Geländewagen und das alte Auto von John

Als der Tsunami 2004 mit unvorstellbarer Gewalt über die Küsten einiger südostasiatischer Staaten hereinbrach, löste das bei allen, die die Bilder von Zerstörung und Verwüstung sahen, Mitgefühl, Betroffenheit und Entsetzen aus. Mir und den anderen Mitgliedern der Kinderhilfe ging es nicht anders als anderen Menschen. Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, den Opfern dieser Naturkatastrophe helfen zu müssen.

In den Fernsehkanälen und den überregionalen Zeitungen riefen alle großen Hilfsorganisationen zu Spenden auf. Diese Aufrufe stießen auch auf eine erfreulich große Resonanz.

Auch wir, die Kinderhilfe International e.V. hatten um Spenden gebeten, allerdings erschien unser Spendenaufruf auf keinem Fernsehsender. Nicht einmal eines der wöchentlich erscheinenden Werbeblättchen druckte unseren Aufruf ab. Dabei spielte es keine Rolle, daß unsere Ziele vor allem von Kindern und Jugendlichen unterstützt wurden, und es schien auch nicht wichtig zu sein, daß in unserer Hilfsorganisation alle Menschen, die uns hier in Deutschland unterstützten und auf unterschiedliche Weise halfen, ausschließlich ehrenamtlich arbeiteten und deshalb unsere Verwaltungskosten verschwindend gering waren. Mit unseren fast 300 Mitgliedern waren wir zu klein als daß man uns eine erfolgreiche Hilfsmaßnahme in Asien zugetraut hätte; wir wurden einfach nicht wahrgenommen.

Trotzdem hatten unsere Mitglieder und Unterstützer schon nach wenigen Tagen über € 25.000 auf unsere Spendenkonten überwiesen. Diese Hilfsbereitschaft hat mich gerührt und auch ein wenig stolz gemacht. Aber Rührung hin, Stolz her, der Betrag war einfach zu gering, um damit vernünftige und sinnvolle Hilfe in den Katastrophengebieten leisten zu können. Wir mußten unbedingt noch weitere Spendengelder einwerben, bevor wir uns in den vom Tsunami betroffenen Ländern engagieren konnten. Daß es uns schließlich doch gelang, mit dem Aufbau des geplanten Hilfsprojektes zu beginnen, nämlich Kinderhäuser einzurichten und damit Kindern, die alles verloren hatten, wieder eine Zukunftsperspektive zu eröffnen, verdanken wir besonders dem Fernsehsender RTL, der uns das nötige Vertrauen schenkte und uns finanziell nennenswert unterstützte.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Aufenthalt in Indonesien, in der großen Stadt Medan auf Sumatra erinnern. Seinerzeit war alles, was als eine große Hilfsorganisationen Rang und Namen hatte, im nördlichen Sumatra vertreten. Unübersehbar prangten auf schweren neuen silbergrauen Geländewagen die Namen und die Logos der Organisationen, die nach dem Tsunami zur Hilfe geeilt waren. Auf unserem Auto prangte allerdings nichts. Unser Auto war weder neu noch silbergrau sondern schon dreizehn Jahre alt und von undefinierbar weinroter Farbe.

Und eigentlich war unser Auto noch nicht einmal unser Auto, denn John, den ich bereits erwähnt habe, und der als unsere Vorhut nach Indonesien gereist war, hatte dieses Auto von seinem eigenen Geld gekauft. Ich gebe gerne zu, daß wir dem Engagement von John einiges verdanken, nicht nur dieses nicht mehr gerade fabrikfrische Auto, daß uns in den ersten Jahren in Medan gute Dienste geleistet hat. Eigentlich war diese Auto am Anfang unser einziges Transportmittel, in dem viele der Dinge transportiert wurden, die zum Umbau des Kinderhauses welches wir heute als unser Kinderhaus Nr. 1 in Medan bezeichnen, benötigt wurden. Natürlich transportierte John später mit diesem Auto auch unsere Kinder täglich zur Schule, zumindest so lange, bis wir uns den Schulbus gekauft hatten. .

Wenn ich etwas über John und das Auto, das er gekauft hatte, berichte, dann muß ich unbedingt erwähnen, daß eigentlich auch nur er dieses Auto fahren konnte. John hatte nicht nur eine umfangreiche Werkstattausrüstung in diesem Auto verstaut, er war auch fähig, diese Werkzeuge fachgerecht zu gebrauchen und somit jede Autopanne zu meistern. John zählt zu den Menschen, die über ein Handwerker- und Technikgen in seinem Erbgut verfügen. Vieles, was erreicht wurde, wäre ohne John und seine spezielle Begabung vermutlich niemals möglich gewesen.

Obwohl wir John in unseren Reihen hatten und er das Auto, das er gekauft hatte, in unseren Dienst stellte, konnten wir es natürlich mit keiner der großen Hilfsorganisationen aufnehmen. Wir verfügten weder über die Erfahrungen noch über die Spezialisten, die diese Organisationen zur Hilfeleistung aufbieten konnten. Aber uns, das kann ich zumindest rückblickend sagen, hat eine Beharrlichkeit ausgezeichnet, über die augenscheinlich andere nicht in gleicher Weise verfügten.

Aber der Reihe nach: Wie viele andere Hilfsorganisationen hatten auch wir uns um die Finanzen beworben, die nach dem Tsunami von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt wurden. Um etwas aus diesem Geldtopf zu erhalten, arbeiteten wir uns durch umfangreiche Informationsbroschüren und füllten unzählige Formulare aus. Schließlich scheiterte unser Antrag aber an zwei Bedingungen: Erstens war niemand von uns bereit, für die Verwendung des uns möglicherweise zur Verfügung gestellten Geldes nach dessen Einsatz in Indonesien weiterhin persönlich entsprechend der vorgegebenen Auflagen zu haften (alle Vorstandsmitglieder sind nicht gerade vermögend und tragen die Verantwortung für die eigenen Familien), und zweitens lautete eine Bedingung, daß das von uns geplante und aufgebaute Hilfsprojekt am Ende in indonesische Hände übergeben werden müßte. Letzteres lehnten wir ohne wenn und aber ab. Wir haben unseren Mitgliedern versprochen, und es gehört immer noch zu unseren Prinzipien, daß die Verfügungsgewalt für die uns anvertrauten Gelder und Sachwerte nicht in fremde Hände gegeben wird. Die Menschen, die uns etwas von ihrem Geld anvertrauen, sollen sich darauf verlassen können, daß wir dieses Geld entsprechend der in unserer Satzung formulierten Ziele ohne die Kontrolle abzugeben für Hilfsmaßnahmen einsetzen. So können wir im Einzelfall oft sogar ganz genau sagen, für wen oder für welches Hilfsprojekt wir welche Spende verwendet haben. Nicht selten sprechen wir die Verwendung einer Spende sogar mit den Spendern ab.

Keinesfalls möchte ich allerdings den Eindruck erwecken, daß ich die Arbeit der großen und bekannten Hilfsorganisationen nicht schätze. Schließlich bieten sie in Katastrophenfällen z. B. eine Ersthilfe an, zu der wir nicht in der Lage sind. Und ganz sicher leisten viele Menschen in ihren Reihen eine wirklich großartige Arbeit. Trotzdem denke ich allerdings manchmal, daß sie sich vielleicht mehr um die Früchte ihrer Arbeit kümmern sollten. Nach der Tsunamikatastrophe konnte man z. B. in vielen Zeitungen lesen, daß große Hilfsorganisationen viele 5.000-Dollar-Häuser für Tsunamiopfer errichtet hätten. Aber in keiner Zeitung war zu lesen, wie diese Häuser an die Opfer verteilt wurden. In Indonesien habe ich erfahren, daß Dorfvorsteher mit dieser Aufgabe betraut worden wären. Die hätten diese Häuser aber vor allem denen gegeben, die zu ihrer Familie gehörten, ihnen sonst irgendwie nahe standen oder sogar Geld dafür bezahlten. Auch wurde mir in Medan erzählt, diese Häuser wären dem Tropenklima nur bedingt gewachsen gewesen. Ich selber habe niemals eines von diesen Häusern gesehen, und ich habe gelernt, mit Informationen vorsichtig umzugehen. Das, was mir der Leiter einer anerkannten und seit Jahrzehnten bewährten kirchlichen Hilfsorganisation persönlich berichtete, erschien mir im ersten Augenblick fast unglaubhaft. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch noch nicht die Kenntnisse und Erfahrungen, über die ich inzwischen verfüge.

„Homini homo lupus“ lautet eine lateinische Erkenntnis. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“.

 Man mag darüber streiten oder sogar tiefsinnig philosophieren, ob diese Aussage stimmt, aber nicht nur meine Erfahrungen als langjähriger Vorsitzender der Kinderhilfe International e.V. haben mich gelehrt, diese Aussage keinesfalls rundherum abzulehnen. Was ich damit meine, möchte ich mit dem deutlich machen, was mir der Leiter einer kirchlichen Hilfsorganisation, dessen Seriosität über jeden Zweifel erhaben ist,  persönlich berichtete. Er erzählte mir, daß seine Hilfsorganisation eine große Menge von Instantnudelgerichten an die Menschen verteilt hätten, die durch den Tsunami ihre Habe verloren hatten und Hunger litten. Von radikalen islamischen Kreisen wäre dann aber das Gerücht gestreut worden, in dieser Nahrung befände sich Schweinefett (was natürlich nicht stimmte), und deshalb hätten die Menschen moslemischen Glaubens lieber gehungert als diese Lebensmittel zu essen.

Manchmal ist die Aufgabe, die wir übernommen haben, einigermaßen frustrieren, und man muß wohl eine recht hohe Frustrationstoleranz mitbringen, wenn man nicht irgendwann alles hinschmeißen will.  Deshalb verwunderte es mich nicht, daß ich schon nach relativ kurzer Zeit keine der silbergrauen Geländewagen mit den besagten Logos an den Türen mehr auf den Straßen von Medan gesehen habe. Freunde in Indonesien berichteten mir, viele Organisationen hätten sich wegen der schwierigen Arbeitsbedingungen wieder aus Indonesien zurückgezogen. Auch das kann ich nicht beurteilen, bestätige aber gerne, daß die Arbeitsbedingungen vor Ort es auch für uns nicht gerade leicht machen. Auch wir mit unseren Kinderhäusern müssen immer wieder neue Probleme bewältigen, wobei sich zumindest einige dieser Probleme wohl aus den unterschiedlichen Mentalitäten ergeben.

Auf jeden Fall ist es mir nicht gelungen in Medan z. B. ein weiteres Kinderheim, das von einer westlichen Hilfsorganisation getragen wurde, ausfindig zu machen, obwohl ich selber sechs Monate in dieser Stadt gelebt habe und mich darüber hinaus mehrfach für kürzere Aufenthalte dort aufhielt.

Übrigens hat John das Auto, das uns in der ersten Zeit noch gute Dienste geleistet hat, obwohl es ja bereits dreizehn Jahre lang auf den Straßen von Medan bewegt worden war, irgendwann wieder verkauft. Ich habe mich wirklich gewundert, daß es ihm gelungen ist, für dieses Auto noch einen Käufer zu finden. Noch mehr wunderte ich mich allerdings darüber, daß es John, wenn ich ihn richtig verstanden habe, gelang, bei seinem Verkauf nicht einmal einen großen finanziellen Verlust zu erleiden.

Seinerzeit haben wir uns einen neuen Minibus gekauft, der unseren Kindern, die in den beiden Kinderhäusern ein neues Zuhause gefunden haben, vor allem als Schulbus dient. Inzwischen weist dieser Bus leider schon deutlich mehr als eine Schramme auf und soll deswegen repariert werden. Ich habe allerdings keine große Hoffnung, daß ihn nicht schon bald eine neue Blessur abermals verunstalten wird. Wer einmal ein Fahrzeug durch die Straßen von Medan bewegt hat, wird meine Befürchtungen teilen. Wenn ich am Steuer unseres Minibusses saß, bin ich auf jeden Fall immer ganz schön ins Schwitzen geraten. Und das lag keinesfalls nur an den hohen Außentemperaturen.

Aber der Verkehr in Medan mit den vielen stinkenden kleinen Bussen, die den gesamten öffentlichen Personennahverkehr abwickeln, den unzähligen Mopeds und vor allem den Becaks, den Moped- und Fahrradtaxis, das ist nicht nur ein Kampf ums Vorwärtskommen, das ist, so erscheint es mir immer wieder, schon fast ein Kampf ums Überleben.

Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.