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Von Tigermücken, Malaria-Abwehr und Hühnern in der Hütte

Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich bis heute nicht genau, wie viele Menschen eigentlich in Medan leben. Die Reiseführer, die der Beschreibung von Medan sowieso nur eine oder zwei Seiten einräumen, machen zur Einwohnerzahl entweder gar keine oder unverbindliche, sogar widersprüchliche Angaben. Ich habe mich deshalb entschlossen, Medan eine Einwohnerzahl zuzugestehen, die irgendwo zwischen zwei und drei Millionen Menschen liegt. Wenigstens sind sich alle Reiseführer, die ich gelesen habe, darin einig, von Medan als der drittgrößten Stadt Indonesiens zu sprechen. Aber damit ist natürlich nichts über die Einwohnerzahl von Medan ausgesagt.

In einem meiner Reiseführer lese ich, daß Medan ein Denkmal des Kapitalismus sei und seine Blüte im späten neunzehnten Jahrhundert durchlebt hätte. Besonders der Tabakanbau, man denke nur an Sumatra-Zigarren, hätte Medan unter der Verwaltung der Holländer großen Reichtum beschert. Obwohl auch heute auf Sumatra noch Tabak angebaut wird, scheinen vor allem Ölpalmen den Tabakanbau zurückgedrängt zu haben. Ich habe selber  nicht viele Ausflüge außerhalb der Stadt unternommen, aber es war unübersehbar, daß immer mehr des noch vorhandenen Urwaldes dem Anbau von Ölpalmenplantagen geopfert wird. Offiziell sind viele der noch bestehenden Urwälder geschützt, doch indonesische Freunde erzählten mir, daß weiterhin Urwälder gerodet würden, um dort Ölpalmen anzupflanzen. Keinesfalls alle der Konzessionen seien auf legalem Weg erworben worden. Solche Geschäfte nenne man „business under the table“. Ich befürchte, daß es nicht mehr lange dauert, bis sich der letzte Orang-Utan auf Sumatra aus Verzweiflung über die Zerstörung seiner Heimat mit einer Schlingpflanze an einem der letzten Urwaldbäume aufgehängt haben wird. Auch das Sumatra-Nashorn, dessen Horn vor allem chinesischen Männern als Aphrodisiakum gilt und sogar den Preis des Goldes übersteigt, dürfte bald nur noch im Geschichtsunterricht eine Rolle spielen, zumindest dann, wenn über die Tiere gesprochen wird, die es einmal auf unserem Planeten gegeben hat..

Bevor man sich aber hier über den Anbau von großen Ölpalmplantagen aufregt, sollte man sich überlegen, ob Produkte wie z. B. Palmin oder Palmolive auch so hießen, wenn sie vor allem aus dem Öl von Raps oder Sonnenblumen hergestellt würden.

Ich habe auf jeden Fall den Eindruck, daß die Stadt Medan heute im internationalen Handel mit Palmöl eine wichtige Rolle spielt.

Einige wenige Menschen scheinen in Medan – womit auch immer – auch heute noch oder wieder eine ziemliche Stange Geld zu verdienen. Diese Leute leben in tollen Häusern und lassen sich von uniformierten Aufpassern bewachen. Der weitaus größere Teil der Menschen versucht aber irgendwie zurechtzukommen oder auch nur den neuen Tag zu überleben.

Auf den ersten Blick wirkt die Stadt lebendig und geschäftig, und viele Menschen kommen ja auch zurecht mit dem Geld, welches sie für ihre Arbeit erhalten. Es darf nur nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommen. Der Ernährer der Familie darf nicht ausfallen oder man darf selber nicht krank werden. Mir wurde von einem Kind berichtet, daß gestorben ist, weil die Eltern nicht die Aufnahmegebühr für das Krankenhaus bezahlen konnten. Und ich weiß von vielen Kindern, die nicht in die Schule gehen, weil in den Familien für die verpflichtenden Schuluniformen oder Bücher und Schreibmaterial einfach kein Geld vorhanden ist. Nicht selten müssen die Kinder sogar selber zur Versorgung der Familie beitragen. Immer wieder erlebt man, wenn man mit dem Auto an Kreuzungen vor roten Ampeln anhalten muß, daß Kinder Mineralwasserflaschen, Zigaretten oder Zeitungen zum Kauf anbieten. Andere hoffen, durch Gitarrenmusik und Gesang ein Almosen zu erhalten. Immer wieder denke ich, daß ich diesen Kindern etwas abkaufen, ihnen wenigstens ein paar Münzen geben sollte, aber dann springt die Ampel auf Grün, und an der nächsten Kreuzung warten schon wieder bettelnde Kinder.

Westlich der Stadt Medan gibt es eine Gegend, in die sich sicherlich niemals ein Besucher dieser Stadt verirrt. Ich selber bin mehrfach dort gewesen, um einige Familien zu besuchen, die unter Verhältnissen und in einer Armut leben, die selbst mich ziemlich schockiert hat, und ich darf wohl sagen, daß ich schon einiges an elenden Lebensumständen gesehen habe. Ich sollte dabei erwähnen, daß ich bisher ausschließlich zu Zeiten, in denen trockenes Wetter herrschte, dorthin gefahren bin. Bereits diese Fahrten haben dem Auto einiges abverlangt. Während der Regenzeit dürften die schmalen unbefestigten Wege allenfalls noch für allradgetriebene Fahrzeuge passierbar sein.

Die Menschen, die dort ihr Dasein fristen, hausen nicht selten in ärmlichsten Hütten und das Land, auf dem sie leben, gehört ihnen nicht. Sie können deshalb jederzeit aus ihren ärmlichen Behausungen vertrieben werden.

Immer wieder denke ich an eine Familie, die ich auch bei meinem letzten Aufenthalt in Medan wieder besucht habe. Zu dieser Familie zählen eine Frau und ihre drei Töchter. Wenn ich es richtig verstanden habe, stammen die Kinder von unterschiedlichen Männern. Mich erzürnt, daß keiner dieser Männer zu seiner Verantwortung steht und sich um sein Kind kümmert. Aber das gilt natürlich nicht nur für Indonesien. Für die Menschen in einem reichen mitteleuropäischen Land mag es sich schockierend anhören, wenn mir angesichts dieser Not vor Ort durch den Kopf ging, daß man alle diese Männer, die ein Kind produzieren und sich dann davonmachen, kastrieren sollte. Natürlich weiß ich, daß zur Produktion von Kindern immer zwei gehören, neben einem Mann auch eine Frau; aber es sind ja so gut wie nie die Mütter, die die Familie im Stich lassen. Fast immer sind es die Frauen, die mit den Kindern zurückbleiben und sich damit abmühen, die Kinder irgendwie groß zu ziehen.

Wenn man als Besucher nach Indonesien kommt, dann fällt einem vor allem auf, wie viele Kinder es dort gibt. Im Vergleich zu diesem Land ist Deutschland geradezu kinderleer. Ganz sicher fällt es keinem Land leicht, für so viele Menschen genügend Schul- und Ausbildungsplätze bereitzustellen. Wahrscheinlich wäre damit sogar ein wohlhabendes mitteleuropäisches Land überfordert. Auch in vielen Ländern der Europäischen Union stellt, aus welchen Gründen auch immer, die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen ein großes Problem dar.

Ich möchte aber noch einmal auf die Frau mit ihren drei Töchtern zurückkommen

Diese vier Menschen lebten, als ich zum ersten Mal bei ihnen war, in einer Einraumhütte, deren Wände aus ehemaligen Verpackungskisten zusammengezimmert worden waren. Die Namen der Produkte, die man mit diesen Verpackungen befördert hatte, und manche Werbelogos konnte man noch recht gut entziffern. Es gab keinen Fußboden, sondern nur die nackte Erde, keinen Strom und in der Nähe auch keinen Wasseranschluß. Einige magere Hühner suchten innerhalb und außerhalb der Behausung nach Würmern, Engerlingen und nach dem, was Hühner sonst noch so zu fressen pflegen. Wenn überhaupt, dann kochte die Frau das Essen für sich und die Kinder auf einer offenen Feuerstelle. Ich entdeckte in dem Raum nur einen einzigen Kochtopf. Gerne hätte ich gewußt, was an diesem Tag in diesem Topf zubereitet wurde, aber ich konnte doch nicht einfach den Deckel anheben. Selbst danach zu fragen, erschien mir irgendwie unpassend, und so weiß ich bis heute nicht, ob überhaupt etwas in diesem Topf war.

Die Hütte erreicht man vom staubigen, mit tiefen Schlaglöchern übersäten Weg, indem man zuerst auf einem schmalen Brett über einen sumpfigen Graben balanciert, um dann auf einem kurzen Pfad von einem laut kläffenden Hund begrüßt zu werden.

Neben dem Eingang zur Hütte liegt zum Trocknen ausgebreitet auf einer Plastikplane die Ernte, die die Frau zusammen mit ihren beiden älteren Töchtern eingebracht und entsprechend vorbereitet hat. Ich kenne das Alter der beiden Mädchen nicht, schätze die jüngere aber auf etwa sieben, die ältere auf elf oder zwölf Jahre. Das jüngste Kind, ein Kleinkind von vielleicht zehn Monaten oder wenig mehr ist erst später dazu gekommen. Bei meinem letzten Besuch lag es in einer Decke, die wie eine Wiege an einem Balken aufgehängt war.

Stets, wenn ich in diese Gegend fahre, werde ich von Lina begleitet. Ohne sie würde ich den Weg hierher wahrscheinlich gar nicht finden. Lina ist ein großartiger Mensch. Ich bin froh, daß sie sich schon vor Jahren in den Dienst unserer Hilfsorganisation gestellt hat und habe zu ihr inzwischen auch persönlich eine enge freundschaftliche Beziehung. Lina hat übrigens dafür gesorgt, daß die Hütte der Frau mit ihren drei Töchtern inzwischen wenigstens über einen festen Zementfußboden verfügt und daß es nicht mehr durch das Dach regnet. Ich werde über sie und ihr Engagement an anderer Stelle noch ausführlicher berichten. An diesem Tag mache ich mir aber Gedanken über die Denguefieber-Gefahr. Natürlich schlucke ich an jedem Morgen eine Malerone-Tablette, um mich vor einer Malariainfektion zu schützen. Leider gibt es jedoch kein Medikament, welches vor dem Denguefieber schützt. Du solltest jetzt besser nicht in diese Gegend fahren, war ich gewarnt worden, das ist Denguefieber-Gebiet. Denguefieber ist eine Krankheit, die vor allem von der Tigermücke übertragen wird. Die Mücke, die den Malariaerreger überträgt, sticht angeblich nur in der Dämmerung. Außerdem, das habe ich in mehreren Reiseführern gelesen, legt sie ihre Eier nur in sauberes Wasser. Wenn das stimmt, dann dürfte in Medan diese Art der Mücken und damit die Malaria überhaupt nicht vorkommen, denn abgesehen von in Flaschen abgefülltem Trinkwasser scheint es in ganz Medan kein sauberes Wasser zu geben. So gesehen könnte ich eigentlich auf die tägliche Einnahme von Malerone-Tabletten verzichten. Leider hält sich der andere Blutsauger, nämlich die Tigermücke, bei ihren Attacken nicht an irgendwelche Tageszeiten und nimmt es auch mit der Sauberkeit des Wassers nicht so genau. Eine Denguefieber-Infektion soll sehr schmerzhaft und mit hohem Fieber verbunden sein. Trotzdem verläuft eine erste Infektion meistens glimpflich und Todesfälle sind nicht sehr häufig. Es kann, zumal bei einer weiteren Infektion auch zu einem hämorrhagischen Fieber kommen, d. h., daß der Kranke aus den Körperöffnungen blutet, verbunden mit inneren Blutungen. Ein solches Krankheitsstadium ist lebensbedrohlich.

Ich stehe vor der Hütte der Frau mit ihren drei Töchtern. Hier sei in der letzten Zeit häufiger Denguefieber aufgetreten. Natürlich habe ich jedes unbedeckte Fleckchen Haut kräftig mit Mücken-Abwehrchemie eingesprüht und mir vorgenommen, Gestrüpp und dunkle Ecken zu meiden. Aber gerade jetzt macht sich in meinen Därmen wieder der Durchfall, unter dem ich schon seit Tagen leide, heftig bemerkbar, obwohl ich zum Frühstück extra die doppelte Menge der Anusverschluß-Pillen geschluckt habe. Selbstredend gibt es für die Menschen hier sowieso nur das Urwaldklo. Ich sehe für mich keine Möglichkeit, noch eine jener Toiletten zu erreichen, deren Aussehen und Funktion mir vertraut sind. Wenn alle Stricke reißen, werde ich mich wohl in den Dschungel schlagen müssen.