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Von meinem Urwaldklo, von Lina und von den Müllmenschen

Tatsächlich blieb mir an diesem Tag nichts anderes übrig, als mich, wie man so sagt, verstohlen in die Büsche zu schlagen. Ich mußte nur noch möglichst bald eine passende Gelegenheit finden. Die ergab sich, als Lina mich fragte, ob ich nicht das Maisfeld sehen wolle, auf dem ihr Mann Arnold zusammen mit einigen anderen Männern aus der Gegend arbeite. Ich stimmte zu, zumal ich Arnold treffen wollte. Lina unterhielt sich noch mit der Frau, vor deren Hütte wir standen.

Weil das kleine Maisfeld nicht weit entfernt lag und nicht zu verfehlen war, konnte ich vorgeben noch einige Photos aufnehmen zu wollen und setzte mich eilig ab. Schon nach wenigen Schritten wußte ich mich unbeobachtet, sprang über einen Graben, wobei mir fast meine Kameratasche in das Wasser gefallen wäre und duckte mich unter dichtem Gebüsch hindurch, bis ich ein mir als Nottoilette geeignetes Plätzchen gefunden hatte. Der dicke Frosch, der erschrocken vor mir flüchtete und auch die kleine Schlange, die ich entdeckte, beunruhigten mich in diesem Augenblich weniger als das Toben in meinen Gedärmen. Allenfalls die großen Ameisen, die in unübersehbarer Zahl im Laub herumkrabbelten und auch sogleich meine Schuhe erklommen, versuchte ich mehrfach abzuschütteln. Sie sollten es möglichst nicht bis in meine Hosenbeine schaffen. Trotz meines Ameisen-Abwehrtanzes gelangt mir das, was ich tun mußte, und eigentlich wäre damit dann doch noch alles gut gegangen. Dumm war allerdings, daß ich nur die nicht von Kleidung bedeckten Hautpartien reichlich mit Moskitovertreibern eingesprüht hatte. Mir war nicht der Gedanke gekommen, mich in irgendeinem Urwaldgestrüpp meiner Hose zumindest teilweise entledigen zu müssen. Und so war geschehen, was ich unbedingt hatte vermeiden wollen, weil ich es fürchtete. Einige blutrünstige Moskitos schienen nur auf jemanden wie mich gewartet zu haben. Sie hatten sich auf meine für einen kurzen Zeitraum frei gelegten chemisch unbehandelten Oberschenkel gestürzt und mir ein paar heftig juckende Quaddeln verpaßt.

Als ich wieder auf Lina traf, verschwieg ich ihr meinen Urwaldtoilettenbesuch, denn das empfand ich doch irgendwie als peinlich. Ich sagte ihr allerdings, ich hätte mir ein paar Moskitostiche eingefangen und drückte auch meine Sorge hinsichtlich des Denguefiebers aus. Lina beruhigte mich. Noch vor wenigen Wochen, in der Mitte der Regenzeit, hätte es ein Risiko gegeben; jetzt aber sei das Ende der Regenzeit gekommen, da müßte ich mir keine Sorgen machen. Ihre gut gemeinten Worte beruhigten mich nicht wirklich, zumal ich mich daran zu erinnern glaubte, daß sie selber auch außerhalb der Regenzeit infiziert worden war.

Arnold und zwei andere Männer hantierten am Rand des Maisfeldes mit Kanistern und Handsprühgeräten. Sie müßten die Maispflanzen vor Schädlingen schützen, wurde mir erklärt. Zugegeben, ich verstehe von Schädlingsbekämpfungsmitteln für Maisfelder nicht viel, jedoch war auf den Etiketten der Kanister durch entsprechende Symbole unübersehbar deutlich gemacht, daß beim Ausbringen dieser Pflanzenschutzmittel zumindest Mundschutz, Schutzbrille und Handschuhe zu tragen seien. Müßig zu erwähnen, daß Arnold und seine Mitstreiter nichts davon besaßen. Ich hatte übrigens einen dieser Kanister bereits in der Hütte der Frau mit den drei Mädchen gesehen, allerdings war das Etikett darauf stark beschädigt gewesen. Auf meine Frage, was dieser Kanister beinhalte, erklärte mir die Frau, es handele sich um Dünger für die Pflanzen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frau überhaupt lesen konnte. Auf jeden Fall hätte sie dann zumindest entdeckt, daß dieser Giftcocktail aus einer auch bei uns sehr bekannten Chemiefabrik stammte.

Wie war das noch mit dem Export? Ist Deutschland eigentlich immer noch Exportweltmeister?

In Indonesien findet die Korruption trotz einiger Bemühungen seitens Regierung, diese endlich einzudämmen, immer noch einen fruchtbaren Boden. Ich habe ja bereits von meiner Erfahrung bei der Einreise berichtet, muß allerdings auch zugeben, daß sich diese eine Erfahrung bei meinen letzten Reisen in dieses Land nicht wiederholt hat. Das läßt zumindest hoffen. Ich hasse die Korruption wie die Pest, aber eigentlich verfluche ich vor allem die Leute, die ganz oben in dieser Art von „Nahrungskette“ stehen, die schon zwei Luxuskarossen in der Garage stehen haben, aber ihren Hals nicht voll kriegen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man in Indonesien die Hand aufhält oder in Deutschland sein Schwarzgeld in der Schweiz vergräbt. Ich zahle auch nicht gerne Steuern und Abgaben, ich finde es auch empörend, wenn unfähige Politiker mein hart erarbeitetes Geld leichtfertig verpulvern (dafür gibt es ja genug Beispiele), aber ich sehe ein, daß ein Staat seine Leistungen ohne Steuergelder seiner Bürger nicht erbringen kann.

In Indonesien habe ich bereits so manche Enttäuschung erlebt, dann aber lernte ich Lina kennen. Lina ist ein großartiger Mensch. Halb scherzhaft, halb ernst habe ich sie manchmal „Santa Lina“ genannt. Ihr würde ich ohne zu zögern meinen persönlichen Besitz anvertrauen. Ich habe nicht nur immer wieder erlebt, wie engagiert sich Lina für unsere Ziele einsetzt, sie unterhält außerdem noch ganz eigene Hilfsprojekte. Lina und Arnold haben eine eigene Tochter, zusätzlich haben sie in ihre Familie noch ein behindertes Mädchen aufgenommen. Selbstverständlich kümmert sich Lina um das Pflegekind nicht weniger als um ihre eigene Tochter. Daß der indonesische Staat dafür kein Geld zahlt, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen.

In der Gegend, in der die Frau mit ihren drei Töchtern in einer Hütte auf einem Stück Land lebt, das ihr selber nicht gehört, leben noch viele andere arme Familien. Um diesen Menschen zu helfen, ist Lina auf die Idee gekommen, brach liegendes Land von den Behörden zu pachten. Zusammen mit ihrem Mann Arnold bewirtschaftet sie diese Äcker, wobei die Menschen, die in dieser Gegend leben, eingebunden werden. Es geht ihr nicht nur darum, den armen Menschen mit dem – wenn auch geringen - Ertrag der bewirtschafteten Felder zu helfen, sondern diesen Menschen auch Hoffnung zu vermitteln. Ich habe selber oft erlebt, daß Menschen sich resigniert mit ihrer Situation abgefunden haben. Lina aber versucht, diese Menschen wieder zu motivieren, selber etwas zu tun. Nur wer selber bereit ist, mitzuhelfen, partizipiert auch von dem, was das Feld hergibt. Mich erinnert dieses Engagement immer an das chinesische Sprichwort vom Fischen. Es heißt dort: Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einen Tag lang satt. Lehre ihn fischen, und er wird nie mehr hungern.

Um Linas persönlichen Einsatz für die Ärmsten der Armen angemessen bewerten zu können, muß man wissen, daß auch Lina und ihre Familie zu den armen Menschen gehören. Lina ist die Haupternährerin ihrer Familie; ihr Mann Arnold hat keine regelmäßige Beschäftigung gefunden. Das Monatseinkommen dieser Familie dürfte umgerechnet € 250,-- nicht übersteigen. Das ist auch in Indonesien für eine Familie mit vier Personen sehr wenig Geld.

Manchmal wollen Menschen hier mir deutlich machen, daß sie meine Arbeit in Indonesien und anderswo anerkennen; und dann sagen sie, daß ich mich sehr um die Situation besonders armer Menschen kümmern würde. Mich beschämt diese Art der Anerkennung, zumal wenn ich dabei an das Engagement von Lina und ihre Lebensumstände denke. Ich habe schließlich immer ein Rückflugticket in der Tasche. Nach wenigen Tagen oder Wochen steige ich in der Regel wieder in ein Flugzeug und reise zurück in meine Welt – in eine Welt mit vollem Kühlschrank und einem eigenen Auto vor der Tür, in eine Welt mit exzellenter medizinischer Versorgung, in der man das Wasser, welches zu jeder Tageszeit aus dem Wasserhahn kommt, unbesorgt trinken kann, in eine Welt, in der die Menschen nicht unter Entbehrungen leiden, sondern sich vielmehr damit beschäftigen, wie sie ihre vielen überflüssigen Pfunde wieder loswerden.

 

 

Mit Lina und Ingrid (von Ingrid werde ich an anderer Stelle noch berichten) habe ich bereits mehrfach die Müllmenschen in Medan besucht. Ich kann nicht ausschließen, daß meine Bezeichnung Müllmenschen dem einer oder der anderen unangenehm ist oder sogar Protest hervorruft, aber mir ist kein besserer Begriff eingefallen für die Menschen, die jahrein jahraus auf dem zentralen Müllplatz von Medan ihr Leben fristen. Jetzt versuche ich einigermaßen hilflos zu beschreiben, was eigentlich nicht zu beschreiben ist. Selbst die vielen Photos, die ich dort, wo die LKW den Müll der Stadt abladen, aufgenommen habe, können nicht einmal ansatzweise einen Eindruck von der wirklichen Situation vermitteln.

Weil es mir bisher nicht gelungen ist, einen einigermaßen vernünftigen Stadtplan von Medan aufzutreiben, muß ich mich immer wieder auf meinen eigenen Orientierungssinn verlassen. Die zentrale Müllkippe der Stadt Medan ist nur wenige Kilometer von unseren Kinderhäusern entfernt. Ich schätze, daß sie westlich von unseren Häusern liegt. Eigentlich kann man sie gar nicht verfehlen, wenn man einfach nur den orangenen Müllautos folgt. Bevor man sie überhaupt zu sehen bekommt, macht sie sich schon durch ihren Gestank bemerkbar. Dieser steigert sich, je mehr man sich der Müllkippe nähert und ist am Ende geradezu unerträglich. Ich bin bereits mehrfach bei diesem riesigen Müllberg gewesen und erinnere mich, daß der Gestank einmal bei mir sogar einen starken Brechreiz ausgelöst hat, als ich am Fuß dieses Müllberges stand. Es ist nicht einfach, mit einem PKW bis zur Müllkippe zu fahren. Der schmale Weg ist sehr verschlammt, in den Fahrspuren und in großen Pfützen hat sich eine dunkle stinkende Flüssigkeit angesammelt. In den Hütten zu beiden Seiten dieses Weges leben Menschen, die vor allem vom Verkauf von Plastik und anderen wieder verwertbaren Stoffen, die sie in dem Müll finden, ihr Dasein fristen. Mich macht der Anblick dieser Menschen und ihren armseligen Behausungen stets betroffen. Aber selbst unter diesen Parias der Zivilisation gibt es noch ein Gefälle. Jene, die in den relativ standfesten Hütten ein wenig außerhalb des Müllberg-Dunstkreises leben, stellen letztlich noch die Gutsituierten unter den von mir so bezeichneten Müllmenschen dar. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, so erschien es  mir, als stünde der Rang in dieser so eigenen Gesellschaft in einem Zusammenhang damit, in welcher Nähe zum Müllberg man seine Hütte errichtete.

Wie gesagt, schon die Vorstellung, auch nur in der Nähe des Müllplatzes leben zu müssen, ist mir noch immer unerträglich; doch nicht wenige Menschen hatten sich Unterkünfte nicht nur in der Nähe, sondern direkt auf dem riesigen Müllberg gebaut. Der einzige Vorteil bestand darin, daß sie so besonders schnell den Abfall, der von den Müllautos entladen wurde, nach Verwertbarem durchsuchen konnten. Selbst unter diesen Menschen herrschte noch einen große Konkurrenz Aber unter ihnen ging es ja nicht darum, das schnellere Auto, das größere Haus zu besitzen, bei ihnen ging es um das nackte Überleben. Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, daß auf dieser Müllhalde Menschen gezeugt und geboren wurden und Menschen starben. Kinder sah ich, die barfuß den Abfall durchwühlten, der ja auch Scherben und die messerscharfen Deckel von Konservendosen enthielt. Wenn sich diese Kinder einmal ernsthaft verletzten, welcher Arzt würde sie für Gotteslohn behandeln, welches Krankenhaus nähme sie auf ohne eine Vorauszahlung zu fordern? Und wo begraben diese Menschen eigentlich ihre Toten? Gibt es für jene, die gestorben sind, wenigstens ein würdiges Grab, wenn ihnen schon ein menschenwürdiges Leben verwehrt wird – oder werden sie entsorgt, irgendwo unter dem Müll? Wird man sie einfach so abladen, wie man Abfall ablädt?

Vielleicht ist unsere Gesellschaft, vielleicht ist das gesamte menschliche Dasein so konstruiert, daß wir von unserer Geburt an an einem Wettlauf teilnehmen müssen. Ungefragt, egal, ob wir wollen oder nicht. Und dann stellt es sich heraus. Manche Menschen sind ziemlich schnell, andere verschaffen sich einen Vorsprung, indem sie Mitläufern ein Bein stellen, viele kommen im Mittelfeld ans Ziel, nicht wenige bleiben wohl auch auf der Strecke.

Aber es kann doch nicht angehen, daß Menschen in unsere Welt hineingeboren werden und von Anfang an von der Teilnahme an diesem Wettrennen ausgeschlossen sind, daß man ihnen nicht einmal gestattet, an den Start zu gehen. Es kann doch nicht sein, daß Menschen geboren werden, die von Beginn an keine Chance haben. Das kann doch nicht sein! Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren.

Und nicht nur ich, sondern alle Mitglieder und Unterstützer z. B. unserer Hilfsorganisation machen mit ihren Spenden, ihrem Engagement, deutlich, daß sie nicht bereit sind, sich mit dieser Ungerechtigkeit abzufinden.

Man mag uns ja entgegenhalten und sagen daß wir (noch) eine kleine Hilfsorganisation sind, die die herrschenden Zustände nicht wirklich verändern könnte. Darauf antworte ich  mit dem Beispiel von dem geretteten Seestern.

Es wird erzählt von einem alten Mann, der einen Strand entlang ging und vor sich einen jungen Mann sah, der einen Seestern, den die Flut an der Strand gespült hatte, zurück in die Fluten warf. Er sprach den Jüngeren an und sagte ihm, daß der Strand viele Kilometer lang wäre und tausende Seesterne an den Strand gespült würden. Was mache es da für einen Unterschied, sich mit der Rettung eines einzelnen Seesterns abzumühen. Der junge Mann hatte inzwischen einen weiteren Seestern aufgenommen, um ihn wieder ins rettende Meer zu werfen. Er sah den alten Mann an und entgegnete ihm: „ Für diesen Seestern macht es einen Unterschied.“